Vor 25 Jahren: Auf Island im WM-Halbfinale

Foto: Ingrid Anderson-Jensen

Weltmeisterschaft
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Bei der Weltmeisterschaft 1995 sorgte die DHB-Auswahl für Furore, verpasste eine Medaille aber hauchdünn - Andreas Thiel blickt zurück, unter anderem auf eine Sternstunde gegen Russland.

Es war die erste Weltmeisterschaft mit 24 Teilnehmern, sie endete mit dem ersten Titel für Frankreich - und erstmals wurde ein DHB-Spieler ins Allstar-Team berufen, auch wenn die erste deutsche WM-Medaille nach Bronze für die DDR 1986 knapp verpasst wurde. Genau vor 25 Jahren war Island Gastgeber der Männer-WM, das von der Bevölkerung her kleinste Land, das jemals eine WM im Seniorenbereich ausrichtete. Gespielt wurde in Reykjavik, Akureyri (der Heimatstadt des heutigen Bundestrainers Alfred Gislason), Hafnarfjördur und Kopavagur. In der von Arno Ehret trainierten DHB-Auswahl absolvierte Stefan Kretzschmar seine erste Weltmeisterschaft. Abwehrchef war Klaus-Dieter Petersen, Spielmacher Vigindas Petkevicius.

Ein Jahr nach Rang neun bei der ersten EM der Geschichte gehörte die deutsche Mannschaft beim drittletzten im Mai veranstalteten WM-Turnier „nicht unbedingt zum erweiterten Favoritenkreis“, wie sich Torwart Andreas „Hexer“ Thiel erinnert. Er hatte die EM 1994 in Portugal wegen eines Schien- und Wadenbeinbruchs verpasst - und wurde am Ende der WM auf Island ins Allstar-Team berufen, „obwohl ich noch acht Schrauben und eine Platte im Bein hatte“, denn die wurden erst nach der Saison entfernt. „Springen war da nicht drin, ich musste alles mit Erfahrung und Zocken wettmachen“, blickt der heute 60-jährige Präsident der Frauen-Bundesliga zurück.

Ins Turnier war Jan Holpert als Nummer eins gestartet, dritter Torwart war ein junger Magdeburger namens Henning Fritz. Mit fünf Siegen aus fünf Vorrundenspielen (gegen Dänemark, Algerien, Japan, Rumänien und Frankreich) wurde die DHB-Auswahl Gruppenerster. Thiel erinnert sich vor allem an den starken Auftritt beim 23:22-Erfolg im letzten Gruppenspiel gegen den späteren Weltmeister Frankreich. Im Achtelfinale am 16. Mai 1995 wartete Weißrussland mit seinen Stars Jakhimovich und Tutschkin, doch Deutschland setzte sich am Ende deutlich mit 33:26 durch.

„Dann kam das mit Abstand beste Turnierspiel von uns“, erinnert sich Thiel an jeden 17. Mai 1995. Gegner war WM-Titelverteidiger Russland mit all‘ seinen Stars. Und nach dem sensationellen 20:17 Sieg im Viertelfinale überschlugen sich die Protagonisten in ihren Einschätzungen - nicht nur, weil durch diesen Halbfinaleinzug auch das Olympiaticket für Atlanta 1996 gesichert war: „Das ist der größte Tag des deutschen Handballs seit dem WM-Triumph von 1978", jubelte Thiel seinerzeit. Ex-Bundestrainer Vlado Stenzel wurde mit folgendem Satz zitiert: „Beim 33:26 gegen Weißrussland erlebten wir eine Sternstunde, heute die Geburtsstunde einer großen deutschen Mannschaft.“ Und selbst der Ex-Coach der Russen, Anatoli Jewtuschenko, meinte: „Diese deutsche Mannschaft ist stärker als die von 1978.“ Bundestrainer Arno Ehret blieb eher bodenständig: „Das Team hat eine Entwicklung gemacht. Ich bin stolz auf die Mannschaft, wie sie auftritt und welche Werbung sie für den deutschen Handball betrieben hat.“

Ehret hatte übrigens 46 Minuten dieses Viertelfinales auf der Tribüne verbringen müssen - nachdem er die Rote Karte gesehen hatte, weil er sich über zwei Zeitstrafen gegen seine Spieler beschwert hatte. „Es schlug die große Stunde von unserem Co-Trainer Michael Biegler, der uns dann zum Sieg gegen Russland gecoacht hat“, erinnert sich Thiel, der heute wieder mit Biegler zusammenarbeitet - denn der ist unter Vorstand Thiel der Trainer der Leverkusener Werkselfen in der Frauen-Bundesliga.

Es folgte das Halbfinale gegen Frankreich - und da kassierte die DHB-Auswahl eine 20:22-Niederlage. „Bei uns war die Spannung nach den beiden Siegen in Achtel- und Viertelfinale ein wenig raus. Vorher waren wir auf einer Welle geritten, da nicht mehr, zudem hat Frankreich verdient gewonnen“, blickt Thiel zurück: „Das Team um Frederic Volle und Stephane Stoecklin wurde verdient Weltmeister, denn sie waren auf den Punkt in denen Spielen da, wenn es drauf ankam. So wie heute zum Beispiel Kroatien.“

Während Frankreich eben jene Kroaten, die ein Jahr später erstmals Olympiasieger wurden, am 21. Mai 1995 im Finale von Reykjavik schlugen und ihren ersten von mittlerweile sechs WM-Titeln feierte, verlor die deutsche Mannschaft zuvor das Bronzefinale mit 20:26 gegen Schweden. „Es war klar, dass die Mannschaft gewinnt, die sich als Erstes absetzen kann - und das war Schweden“, sagt Thiel, dessen Turnierbilanz mit 25 Jahren Abstand etwas positiver aussieht als noch 1995: „Im ersten Moment war es ärgerlich, dass wir eine Medaille verpasst hatten, aber für mich war es die beste Turnierplatzierung überhaupt mit der Nationalmannschaft“, sagt der 256-fache Nationalspieler und siebenfache Handballer des Jahres heute.

Und zum Ende der WM kam dann noch die für ihn überraschende Auszeichnung als bester Turniertorwart im Allstar-Team: „Die hätte Jan Holpert genauso verdient gehabt.“ Die Adidas-Uhr, die damals die All-Stars als Auszeichnung erhielten, trägt Thiel heute noch gelegentlich: „Die gibt es nur sieben Mal auf der Welt, das macht einen schon stolz.“ Ansonsten erinnert sich der „Hexer“ noch, dass „ziemlich wenige Zuschauer“ bei den Spielen waren, es dafür aber an einem spielfreien Tag einen Flug nach Vestmannaeyjar gab, von wo die deutsche Mannschaft zur Walbeobachtung in See stach.

Der deutsche WM-Kader 1995: Andreas Thiel, Jan Holpert, Henning Fritz - Jan Fegter, Vigindas Petkevicius, Stefan Kretzschmar, Holger Winselmann, Christian Schwarzer, Klaus-Deiter Petersen, Jörg Kunze, Volker Zerbe, Wolfgang Schwenke, Daniel Stephan, Christian Scheffler, Martin Schmidt

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